Die Burgruine im farbigen Licht, der Blick weit über das Neckartal und eine laue Sommernacht – besser hätte die Kulisse für die Wanderbühne Theater Carnivore kaum sein können. Bevor gegen Ende des Abends erste schwere Regentropfen fielen und das nahende Gewitter die Pause verkürzte, erlebten rund 40 Besucher auf der Burgbühne Dilsberg einen außergewöhnlichen, gemüseangereicherten Theaterabend.


Florian Kaiser gastierte auch in diesem Jahr mit seiner Wanderbühne Theater Carnivore auf der Burgbühne Dilsberg. Für das Publikum standen seine farbenfrohen Sitzbänke bereit, um die Bewirtung kümmerte sich das Team der Burgbühne.


Mit seinem Ein-Mann-Stück „Romeo und Julia – Kartoffeltheater“ nimmt Kaiser Shakespeares berühmteste Liebesgeschichte augenzwinkernd auseinander. Der Clou: Die Hauptrollen spielen Kartoffeln. Vor Beginn entscheidet das Publikum beim Casting, welche Kartoffeln Romeo und Julia spielen. Das ungewöhnliche Konzept greift zugleich die Frage auf, was Theater eigentlich ausmacht und wie Rollen entstehen. Die auf Gabeln gespießten oder auf Flaschenhälsen platzierten Kartoffeln erwachten erstaunlich schnell zum Leben. Immer wieder reagierte das Publikum mit herzhaftem Lachen, Seufzern und mitfühlenden „Ohs“, wenn einer der Helden in Gefahr geriet.


Urkomisch die berühmte Balkonszene: Mehrfach musste die Probe neu angesetzt werden, weil die Chemie zwischen Romeo und Julia nicht stimmen wollte. Ein Ventilator sorgte als „Windmaschine“ für dramatische Effekte: „oh weh mir“, stöhnte Julia. Schließlich übernahm der Regisseur – selbstverständlich „aus künstlerischen Gründen“ – selbst die Rolle des Romeo. Auf den Tisch geklettert, kniete er vor Kartoffel-Julia nieder und beteuerte seine Liebe. Doch die zeigte sich wenig beeindruckt, fürchtete sogar, am Ende zu einer Rosmarinkartoffel verarbeitet zu werden.


Bevor das bekannte tragische Ende seinen Lauf nahm, erlaubte sich Kaiser eine humorvolle Alternative. Romeo und Julia sausten in einem improvisierten Cabrio „on the road to Mantua“, während als Spezialeffekt Bäume vorbeizogen.


Mit langem Applaus verabschiedete das Publikum Florian Kaiser, ehe die ersten Regentropfen den Theaterabend endgültig beendeten. Große Theaterkunst braucht nicht unbedingt ein großes Ensemble oder aufwendige Kulissen. In diesem Fall genügen ein Tisch, ein paar Flaschen – und: einige Kartoffeln mit erstaunlichem schauspielerischem Talent.
T + B: mbue