In der idyllischen Kulisse des Dilsbergs findet jedes Jahr zu Beginn der Sommerferien die Burgserenade der Dilsberger Kantorei statt – eigentlich und sofern das Wetter mitspielt. Denn es war tatsächlich nach sieben Jahren das erste Mal, dass das beliebte Open-Air-Konzert unter Leitung von Markus Karch endlich wieder an seinem Bestimmungsort stattfinden konnte. Gewitter, Dauerregen und Covid hatten seit 2019 dafür gesort, dass in die Graf-von-Lauffen-Halle ausgewichen werden musste. Und obwohl die meisten Menschen sich in diesem Jahr den nötigen Regen dringend herbeisehnen, so hätte es an diesem Abend kein angenehmeres Wetter bei leichter Brise geben können, um unter freiem Himmel das Konzert zu genießen.


Die Reihen füllten sich schnell, man stärkte sich mit Getränken und Snacks während die Sonne kräftig die Bühne beschien, so dass ob des blendenden Lichts der Beginn des Konzerts sich um ein paar Minuten verzögerte. Das Publikum saß derweil bereits angenehm beschattet in gespannter Erwartung. Markus Karch prüfte noch den Einfallswinkel der Sonnenstrahlen und dann konnte es losgehen.

Es gibt Konzertprogramme, die reihen Werke aneinander. Und es gibt solche, die eine Geschichte erzählen. Dieses Konzert gehörte zweifellos zur zweiten Kategorie. Mit Musik aus nahezu acht Jahrhunderten, ergänzt durch klug ausgewählte literarische Texte, entwarf das Ensemble einen klingenden Sommertag vom ersten Sonnenlicht bis zum friedlichen Mondschein. Dabei entstand kein bloßes Nebeneinander von Musik und Rezitation, sondern ein stimmiges Gesamtkunstwerk, dessen roter Faden das Publikum vom ersten bis zum letzten Ton trug.


Die Seelenlandschaften von Melodien, Liedern und Texten spannten einen weiten, farbenfrohen Bogen: von heiteren, romantischen und melancholischen bis hin zu lebhaften und mitreißenden Stimmungen. Dorothee Grieshammer verband die Musikbeiträge mit ihrer ausdrucksstarken Stimme. Gedichte von Rose Ausländer, Wilhelm Schmid, Joachim Ringelnatz, Mascha Kaléko, Robert Gernhardt, Rainer Maria Rilke und Bertolt Brecht zeigten die große Vielfalt der deutschsprachigen Philosophie und Lyrik an diesem Abend. Neben der Dilsberger Kantorei sorgten die Musiker:innen Maria Karch (Violine), Heike Hollborn (Klarinette), Jutta Neuhaus (Cello), Christian DellAndrea (Kontrabass) und Christoph Becker (Percussion) für den musikalischen Rahmen. Die Gesamtleitung und Klavierbegleitung lag bei Markus Karch.

Bereits das festliche Rondeau aus Henry Purcells Fairy Queen öffnete die Tür in eine sommerliche Klangwelt. Rose Ausländers eindringliches Gedicht Sonne I setzte den ersten poetischen Akzent, bevor Brahms’ Wach auf meins Herzens Schöne den Morgen in warmen, weichen Chorklängen aufblühen ließ. Orlando di Lassos Bonjour mon coeur verlieh dem Beginn einen Hauch von Renaissance-Eleganz und charmanter Leichtigkeit.
Immer wieder sorgten die literarischen Beiträge für kleine Zäsuren, die zum Schmunzeln, Nachdenken oder Innehalten einluden. Ringelnatz’ Morgenwonne spiegelte die unbeschwerte Freude eines Sommertages ebenso treffend wie Wilhelm Schmids Betrachtung über das Bewältigen von Irritationen einen unerwartet philosophischen Kontrapunkt setzte.

Besondere Höhepunkte bildeten die internationalen Ausflüge. Die finnische Koivun Kallen Polkka sprühte vor rhythmischer Energie, während Pinks Cover me in sunshine als moderner Farbtupfer überraschend selbstverständlich neben Volksliedern und Renaissance-Musik seinen Platz fand. Das dänische Volkslied Ich ging an einem Sommertag überzeugte durch schlichte Schönheit, bevor das englische Dashing Away das Publikum mit seinem schwungvollen Charakter mitriss.

Den Abschluss des ersten Teils bildete Wochenend und Sonnenschein. Die bekannte Melodie der Comedian Harmonists verbreitete augenblicklich gute Laune und entließ das Publikum beschwingt in die Pause.


Der zweite Teil startete temperamentvoll mit einer italienischen Tarantella. Fred Endrikats humorvoller Text Asphalt führte augenzwinkernd zurück in den Alltag, bevor Melchior Francks Kommt ihr Gspielen erneut die Freude am gemeinsamen Musizieren in den Mittelpunkt stellte. Mit Electric Light Orchestras Mr. Blue Sky erreichte das Konzert einen weiteren Höhepunkt. Die poetischen Texte von Georg Britting, Arno Holz und Theodor Storm vertieften anschließend den Blick auf die Schönheit der Natur und schufen einen reizvollen Kontrast zu den lebhaften Chorsätzen.

Markus Karchs Vertonung von Shakespeares Sonett Shall I compare Thee setzte einen lyrischen Ruhepunkt, während Robert Gernhardts und Fred Endrikats Texte mit feinem Humor für zahlreiche Schmunzler sorgten. Im letzten Konzertabschnitt nahm das Programm noch einmal Fahrt auf. Der schwungvolle Tourdion, der feurige Paso doble A ti usende, das Landsknechtslied Frisch auf gut Gsell und Mozarts augenzwinkernder Kanon Chi non ama zeigten eindrucksvoll die Vielseitigkeit des Ensembles.


Mit Rainer Maria Rilkes Worten öffnete sich schließlich der Blick in die Nacht. Mendelssohns Gute Nacht aus dem Sommernachtstraum ließ den Tag sanft verklingen, bevor Mascha Kalékos Der Mann im Mond den poetischen Bogen schloss. Als bewegender Abschluss durfte Der Mond ist aufgegangen nicht fehlen. Der lang anhaltende Applaus zeigte, wie sehr dieses außergewöhnliche Konzert sein Publikum erreicht hatte. Die geschickte Verbindung von Musik und Literatur, die stilistische Vielfalt über viele Jahrhunderte hinweg und die spürbare Freude aller Mitwirkenden machten den Abend zu mehr als einer Aneinanderreihung einzelner Werke. Es entstand das stimmige Bild eines ganzen Sommertages – voller Licht, Farbe, Humor, Nachdenklichkeit und schließlich stiller Nacht.
Text und Bilder: Steffanie Richter
