„Etwas ist faul im Staate Dänemark“ – kaum ein Satz trifft die düstere Stimmung am dänischen Hof in Shakespeares „Hamlet“ besser. Genau dort setzt die Tragödie an, die die Burgbühne Dilsberg in diesem Sommer mit einer raffinierten Theater-im-Theater-Idee neu erzählt. Regie führt Stefan Falk-Jordan.

Ausverkauftes Haus bei der Premiere von „Hamlet – Ein Klassiker steht auf der Probe!“. Bei hochsommerlichen Temperaturen über 30 Grad eine Herausforderung für Publikum und Darstellende. Gut, dass die Zuschauerränge mit dem Spielbeginn im Schatten liegen. Dreimal tönt die Fanfare und dann beginnt die Theatersaison 2026.


Es geht gleich turbulent zur Sache: Die quirlige Ortsvorsteherin Anita Berger (Michaela Deichl) betritt die Theaterfläche und schaut sich irritiert den unfertige Zustand an, ist aber schnell begeistert von der Idee, „Hamlet“ aufzuführen. Das kann ihrem Wahlkampf nur zuträglich sein. Assistentin Bridget (Rebecca Henzen) bleibt skeptisch und erinnert sie an den nächsten Termin.


Regisseurin (Ada Brizzi) und Regieassistent (Sven Lindekugel) holen die Theatertruppe auf die Bühne und kämpfen darum, im Probenchaos den Überblick zu behalten. Die finanziellen Mittel sind knapp, vieles muss improvisiert und selbst gebaut werden. Noch bevor Hamlet seinen ersten Satz sprechen kann, werden auf der Bühne Kabel verlegt, der Geist wartet auf seinen Auftritt, der Sound streikt und Requisiten fehlen. Was zunächst wie eine missglückte Probe wirkt, entpuppt sich schnell als raffinierter Teil der Inszenierung.


Die Kostümbildnerin (Manu Büch) wartet auf die Lieferung der Kleider, die Maskenbildner (Raya Neumann, Felix Gaa) suchen nach den richtigen Farben und die Pyrotechniker (Ernst Merdes, Markus Winter) arbeiten unter Sparzwang. Theateralltag eben.


Hoher Besuch vom Stadttheater: Dramaturgin (Sabrina Witt-Herrmann) und Intendantin (Nina Neureither) kommen zu Besuch, sie wollen sich Inspirationen für ihre Stadtbühne holen. Während die Intendantin ganz begeistert von den Ideen der Dilsberger ist, rümpft die Dramaturgin kritisch die Nase und möchte lieber klassisch bleiben.


Während die einen Sinnieren und Reden schwingen, richten Ton- und Lichthelfer (Mia zu Münster, Julika Roth, Vincent Preiss, Florian Lindekugel) die Technik ein. Blaues Licht, um den Geist so richtig in Szene zu setzen – warum nicht?


Der Bühnenbau bollert immer wieder mit der Schubkarre über die Bühne. Lene Heberling und Ronja Lindekugel arbeiten unter Hochdruck und an den Kulissen, während Kampfchoreografin Mia (Mia Stumpf) bereits Waffen für die Kampfszenen organisiert.


Das Chaos bringt Regisseurin Ada langsam an die Grenzen ihres Nervenkostüms. Immer wieder testen die Pyrotechniker ihre neuen Geräte, auch der Ton wird gecheckt. Das klappt nicht immer, wie erwartet.


Parallel zu den Arbeiten an der Bühne bereiten sich die Schauspieler auf ihre Rollen vor. Horatio (Nils Weitzell) probt mit Francisco (Jakob Pistor), Bernardo (Marius Neureither) und Marcellus (Julina Hänggi) die Stockkämpfe, als ihnen ein Geist (Axel Bedbur) erscheint, der sich als der ermordete König und Vater Hamlets zu erkennen gibt.


Im Raum nebenan sorgt das Regieteam mit einer versehentlichen Doppelbesetzung bei den Frauenrollen für Konflikte unter den „Drama-Queens“ (Brigitte Weitzel, Amelie Schütz). Beide wollen Ophelia spielen, am Ende erhält Amelie die Rolle – das ging gerade nochmal gut. Und auch Königin Gertrud wird nach den honigsüßen Überredungskünsten der Regisseurin schließlich besetzt.


König Claudius (Kolja Grotkop) zieht mit seinem Gefolge ein und berichtet dem Hofnarren (Nico Scheid) sowie seinem Diener (Konstantin Preiss) von seiner Hochzeit mit Gertrud, der Witwe seines Bruders. Dessen Tod führt er auf einen Schlangenbiss zurück – eine Erklärung, an der Hamlet schon bald zu zweifeln beginnt.


Cornelius (Oskar Dreschert) und Voltimand (Karen Engelhardt) treffen ein und melden , dass Fortinbras in Norwegen Truppen sammelt. Ophelias Bruder Laertes (Simon Winter) bittet seinen Vater Polonius (Sebastian Weitzel) um Erlaubnis, nach Frankreich gehen zu dürfen.


Simon Emmerich als Hamlet trauert um seinen Vater. Die schnelle Hochzeit seiner Mutter mit seinem Onkel Claudius verstört ihn. Während am Hof rasch wieder zur Tagesordnung übergegangen wird, ziehen ihn Zweifel und Grübeleien immer tiefer in ihren Bann.


Er begegnet dem Geist seines Vaters, der ihm von seiner Ermordung durch Claudius berichtet und von Hamlet Rache fordert. Doch Hamlet zögert und zaudert. Er beschließt, ein „verrücktes Verhalten“ zu inszenieren, um Zeit zu gewinnen und die Wahrheit zu prüfen. Sein engster Vertrauter Horatio steht ihm bei.


Reinhold (Emil Jetybaeva), ein Bediensteter des Polonius, wird in dessen Auftrag in die Intrigen am Hof eingebunden und soll Informationen über Hamlet beschaffen.


Rosenkranz (Dario Steininger) und Güldenstern (Rowen Niedermayer), Hamlets Jugendfreunde, werden Teil der Intrige des Königspaars. Sie sollen ebenfalls Hamlets Verhalten ausspionieren, Hamlet jedoch durchschaut ihr Spiel.


Ophelia gehört zu den tragischsten Figuren des Stücks. Zwischen ihr und Hamlet besteht eine zarte Liebesbeziehung, die jedoch von Anfang an unter keinem guten Stern steht. Als Hamlet sie plötzlich zurückweist, kann sie sein Verhalten nicht einordnen. Gleichzeitig steht sie unter dem Druck ihres Vaters Polonius und ihres Bruders Laertes, die sie vor Hamlet warnen. Zwischen Liebe, Angst und Fremdbestimmung gerät sie zunehmend aus dem Gleichgewicht.


Hamlets Gedanken kreisen um die Entlarvung des Königs. Er bestellt eine Schauspieltruppe, sie soll den Mord an seinem Vater nachstellen. Im Stück „Der Mord von Gonzago“ übernimmt Lucianus (Marlene Neureither) die Rolle eines Giftmörders, der deutlich an Claudius erinnert. Baptista (Charlotte Ruf) und ihr Geliebter Gonzago (Levi Peters) ahnen nichts. Baptista stürzt nach seinem Tod in tiefe Trauer, während Lucianus ihr den Hof macht.


Hamlet beobachtet die Reaktion des Königs genau. Als Claudius sich sichtlich unruhig zeigt und die Aufführung abrupt beendet, sieht er seinen Verdacht bestätigt, nutzt den folgenden Moment jedoch nicht für eine sofortige Rache.


Im Streit mit seiner Mutter Gertrud tötet Hamlet versehentlich Polonius, der sich hinter einem Vorhang versteckt. Damit kippt die Situation endgültig.


Die Bühnencrew beobachtet die Proben vom Bühnenrand aus. In einer Pause spielt sie die Ermordungsszene völlig überzeichnet nach. Souffleuse (Luna Brenner) steuert für den Splatter-Effekt Kunstblut bei.


Während die Besucher ihren Durst löschen und sich mit Rosegebäck und den Hamlet-Teller stärken, baut die Bühnencrew den Thronsaal fertig. Und auch die Kostüme werden geliefert.


Claudius erfährt vom Tod Polonius’ und beschließt, Hamlet nach England zu schicken. Rosenkranz und Güldenstern begleiten ihn. Zuvor verlangt er die Herausgabe von Polonius Leichnam, doch Hamlet verweigert jede Auskunft.


Die Bühnencrew unterbricht erneut: Die Waffen sind endlich angekommen und werden sofort in einem Probekampf getestet.


Hufgetrappel erklingt: Fortinbras (Natascha Mazzaro) verkündet, dass er mit seinem Heer nach Polen zieht, um ein scheinbar unbedeutendes Stück Land zu erobern. Sein entschlossenes Handeln bildet einen deutlichen Kontrast zu den zögerlichen Intrigen am dänischen Hof.


Nach dem Tod ihres Vaters verliert Ophelia zunehmend den Halt und den Bezug zur Realität. Auch Hamlets Zurückweisung trifft sie immer schwerer. Sie gerät in einen Zustand zwischen Trauer und Wahn; und ertrinkt schließlich im Fluss. Ihr Tod erschüttert den Hof und verschärft die Konflikte weiter – besonders ihr Bruder Laertes reagiert mit tiefer Verzweiflung.


Die beiden Totengräber (Markus Winter und Alex Stahl) sorgen auf dem Friedhof für einen komischen Kontrast zur düsteren Handlung. Sie schaufeln Ophelias Grab und diskutieren dabei mit schwarzem Humor über Leben und Tod. Zwischen Schädeln und Spott entsteht eine skurrile Leichtigkeit, die die Schwere kurz aufbricht.


Ein Matrose (Angelina Ferenzi) überbringt Horatio einen Brief von Hamlet. Darin kündigt Hamlet seine überraschende Rückkehr nach Dänemark an und setzt damit die nächste Wendung in Gang.


Hamlet trifft auf Ophelias Bruder Laertes, der vom Tod seiner Schwester tief getroffen ist und Rache schwört. Osrick (Florian Lindekugel), ein höfischer Edelmann, überbringt Hamlet die Einladung zum Fechtduell mit Laertes. Hinter der scheinbar höflichen Herausforderung verbirgt sich jedoch ein perfider Plan von Claudius.


Doch der Plan führt zur Katastrophe, denn Gertrud trinkt aus dem vergifteten Becher. Ihre Hofdame(Laila El Atassi) schreit um Hilfe – zu spät. Auch Laertes und Hamlet werden durch die vergiftete Klinge tödlich verletzt, und Claudius wird von Hamlet erschlagen – kurz bevor auch Hamlet selbst stirbt.


Als alle Hauptfiguren tot am Boden liegen, trifft der englische Gesandte (Thomas Gorny) am Hof ein. Er überbringt eine wichtige Nachricht aus England – doch seine Botschaft kommt zu spät. Die Intrigenwelt des dänischen Hofes endet in einer Tragödie ohne Sieger.


Die Burgbühne Dilsberg zeigt Shakespeares „Hamlet“ nicht nur als klassisches Drama, sondern auch als spielerische Reflexion über Theater, Rollen und Wirklichkeit. Immer wieder verweben sich die Ebenen.

Am Premierenwochenende wurde diese Leistung vom Publikum mit lang anhaltendem Applaus und stehenden Ovationen gefeiert – ein eindrucksvoller Schlussakkord für zwei intensive Theaterabende unter freiem Himmel.
in weiteren Rollen:


Priester: Andreas Wirtherle mit Chor und Gefolge: Mia Münster, Anna Stumpf, Camilla Jetybaeva, Ayanna Steringer, Colin Grotkop, Dalila El Atassi, Anna Stumpf, Marit Peters, Zoe Mechsner, Fiona Bonda, Charlotte Ruf, Luise Fritsch, Colin Grotkop.
T. Mbue
B. BZ