Zum 100. Jahrestag der Freilegung des Brunnenstollens schlüpften die Gästeführer Jan Enss und Klaus Mombrei in die Rollen von Fritz von Briesen und Mark Twain. Im Mittelpunkt stand die Geschichte des Brunnenstollens – und die Frage, wie aus einem vermeintlichen Geheimgang ein Stück Dilsberger Geschichte wurde.


Etwa 40 Besucher warteten am Sonntagnachmittag im Burghof der Dilsberger Burg am Brunnen auf die öffentliche Führung. Plötzlich näherte sich ein älterer Herr im weißen Anzug, mit Strohhut, Schnurrbart und Spazierstock. Es schien, als sei Mark Twain höchstpersönlich nach Dilsberg zurückgekehrt. Mit amerikanischem Akzent erzählte er, wie ihn seine Reise einst nach `Deutschland, Heidelberg und schließlich in das Burgdorf führte.


Nur eines habe ihn damals verwundert: Wo war der Brunnen? Kinder aus den Gassen hätten ihn schließlich zu genau dem Ort geführt, an dem die Besucher nun stehen. Dort erzählten sie ihm von einem verborgenen Gang tief unter der Burg – jenem Rätsel, dem die Gruppe an diesem Nachmittag auf die Spur kommen sollte.


Mitten in Twains Erzählung betrat Fritz von Briesen den Burghof – groß gewachsen, mit Hut, Schlips und einem Seil über der Schulter, als sei es noch immer 1926. Twain begrüßte den New Yorker herzlich, und beide knüpften an die Geschichte um den geheimnisvollen Brunnen an. Fritz berichtete, wie ihn Twains Buch „A Tramp Abroad“ auf den Dilsberger Brunnen aufmerksam machte.


Die Geschichte ließ ihn nicht mehr los. An einem Seil gesichert, untersuchte er den Brunnen und entdeckte tatsächlich eine kleine Öffnung. 1700 Gulden spendete er für die Freilegung des Stollens. Ganz reibungslos verliefen die Arbeiten allerdings nicht: Einmal gruben die Arbeiter in die falsche Richtung – die Ausbuchtung erinnert bis heute daran. „Glaubt ihr, dass es wirklich einen Geheimgang gibt?“, fragte Fritz von Briesen die Kinder. Viele nickten begeistert.


Noch führte der Weg jedoch nicht unter die Erde. Zunächst ging es hinauf auf die Mantelmauer. Von dort schweifte der Blick über Neckar und Kraichgau, während Fritz vom Bau der Burg, den Grafen von Lauffen und der Sage von der Rose von Dilsberg berichtete.


Zurück im Burghof zeigte er anhand der Schautafeln den Aufbau der Burganlage – und löste schließlich das Rätsel: Der vermeintliche Geheimgang entpuppte sich bei der Freilegung als Bewetterungsstollen. Er diente dazu, den Brunnen tiefer anzulegen und damit die Wasserversorgung der Burg zu sichern. „Wer ist abenteuerlustig und kommt mit hinein?“, fragte Fritz und die Runde und zahlreiche Hände schnellten nach oben.


In drei Gruppen erkundeten die Besucher den 78 Meter langen Stollen, der an diesem heißen Tag angenehme Kühle bot. An der engsten Stelle ist er nur 80 Zentimeter breit, die niedrigste Passage misst etwa 1,50 Meter. Von den Wänden tropft Wasser. Tief unten schimmert der Wasserspiegel des Brunnens. Regenwasser sickert durch die Gesteinsschichten und sammelt sich im Grund. Hier schilderte Fritz, wie er sich einst selbst in den Brunnen abseilte und wie viel Schutt beseitigt werden musste, bevor der Gang wieder vollständig freigelegt war.


Wieder im Tageslicht wanderte die Gruppe abschließend noch durch den Schlosspark zur evangelischen Kirche. Ein fröhliches ‚Alles Gute, Fritz!‘ rief ein Paar zum Abschied und winkte Mark Twain zu. Die Gegenwart hatte sie wieder.
Die nächste Sonderführung mit Mark Twain und Fritz von Briesen findet am 27. Juli um 15 Uhr statt. Treffpunkt ist der Burginnenhof. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
T+B. mbue