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Von Motten im Müsli, Liebesgeschichten und deutscher Sparsamkeit …
Poesie und Musik wechselten sich im Pfarrgarten ab
22. September 2018
   
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"Music and Poetry" - so heißt das neue Open-Air-Objekt der Kulturstiftung Rhein-Neckar. Geschäftsführer Hans Werner begrüßte das Publikum im Dilsberger Pfarrgarten zu der Premiere des Konzeptes. Die Mischung aus Musik und Poesie in besonderer Atmosphäre ließ sich auch Landrat Stefan Dallinger nicht entgehen ließ.
  
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Der Ein-Punkte Applaus ist für Texte, die man nicht unbedingt hätte schreiben müssen. Das erklärte Moderator Moritz Konrad gleich am Anfang des Events „Music and Poetry“.
 
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Deswegen bat er das Publikum, die erste Bühnendichterin Julie Kerdellant gleich mit einem Elf-Punkte-Applaus zu begrüßen. „Ich glaube ich bin noch nie in Jacke aufgetreten“ – sagte die junge Frau aus Landau, als sie das Mikrophon in die Hand nahm. Genau wie die drei anderen Poetry-Künstler nimmt Kerdellant normalerweise an Poetry-Slams teil. Das sind Wettbewerbe der Bühnendichter. Doch „Music and Poetry“ ist anders. Mit dem Konzept aus Life-Musik und einer Poetry-Show, ganz ohne Wettbewerb, möchte die Kulturstiftung Rhein-Neckar-Kreis junge Leute ansprechen.
  
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Babys mit Schnuller, Teenager und Senioren hörten auf den Holzbänken zu, als Kerdellant über ihr Dasein zwischen Frankreich und Deutschland sprach. Sie bewege sich zwischen „bretonischem Dickkopf“ und „deutscher Vernünftigkeit“. Kerdellant bekannte „Ich liebe die deutsche Aggressivität bei Schimpfwörtern.“ -  Pisser und Kackwurst rief sie Richtung Publikum, um kurz danach die Sanftheit der französischen Sprache mit „Merde“ und „Fils de pute“ zu demonstrieren. Sie sei beides: „Baguette- und Kartoffelfresserin.“  Julie Kerdellant studiert Grundschullehramt und schreibt seit 2009 Poetry Texte. „Ich finde es cool, dass der Slam gerade die kleinen Dörfer erobert“, erzählte sie, denn in Berlin gäbe es jeden Tag drei Poetry Slams, auf dem Dilsberg dagegen, sei es etwas Besonderes.
   
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„Cinemagraph“ heißt die Gruppe aus Mannheim, die mit Gesang und Gitarre den Flair der weiten Welt in die Burgruine brachte. Die vierköpfige Indie-Rock / Alternative Brit-Pop Band wurde von Advan Alomerovic und Max Kis-Schuller vertreten. Alomerovics Stimme, die rauchig „Baby where you at?“ - Baby, wo bist du? fragte, bewegte die Zuhörer.
  
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Aus Karlsruhe kam Anna Teufel angereist. „Wohnt irgendwer von euch in einer WG?“, fragte sie, bevor sie über die Barthaare ihres Mitbewohners im Waschbecken und über Motten im Müsli sprach. Sie hasse ihr WG-Leben, manchmal.  „Doch zusammen ist man weniger allein. Und für eine große Liebe ist ein winziger Stups Hass auch nur ein Anlass für noch mehr Liebe.“,  schloss sie ihren Text ab.  In „Zwei Würfel“ wurde Teufel ernster. Aus der Perspektive einer dementen Frau beschrieb sie die Begegnung mit ihrer Enkelin und kurze Momente des Erinnerns.
  
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Der Wechsel zwischen Musik und Poesie setzte sich nach der Pause fort, in der die Burgbühne für die Bewirtung sorgte.
  
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Während das Publikum dem Nieselregen trotzte, begannen „Flashcakes“ aus Wiesloch mit ihrem Programm. Die fünf Jungs bezeichnen ihren Musikstil als Flashpunk. Auf Deutsch sang Lars Wilke Zeilen wie „Wenn alles perfekt wäre, dann wär ich jetzt bei dir.“
  
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Wilke, Niklas Hiel, Joel Maschio, Florian Held und Janis Neumann waren diesen Sommer mit ihrem Album „Kuchengeschmack“ unterwegs in der Region.
 
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Liebeslyrik kündigte Saskia Münch aus Stuttgart an. Die studierende Ernährungswissenschaftlerin begann mit „Nicht mein Typ“. Das sei der erste Text, den sie je geschrieben habe. Er erzählt von unverbindlicher Nähe und dem Wunsch nach einem Happy End: „Du könntest alles sein Baby. Damit meine ich, Spießer oder Killerclown“, las sie vor. „Dieses Wörtchen rational ist mir bei dir so einerlei.“ Viele junge Zuschauer fanden sich in Münchs Text wieder.
   
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Daniel Wagner aus Heidelberg ist Poetry Slam-Landesmeister und brachte das Publikum mit einer Mischung aus Witz und Ernst zum Klatschen. Mindestens einen Elf-Punkte-Applaus bekam er für „Die Geschichte ist nie zu Ende.“ - Ein Deutscher kommt nach Hause, macht sich schnell noch einen Kaffee, putzt sich seine Zähne und geht ins Bett. Von diesem Text ausgehend sprach Wagner über deutsche Sparsamkeit, Frauenbilder und die AfD. „Die AfD ist kein Tumor, denn Tumore können auch gutartig sein“, trug Wagner vor. Er schloss den Kreis mit den Worten „Wir lernen aus der Geschichte, dass einige wohl nichts aus der Geschichte gelernt haben.“
  
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„Danke an alle, die nicht nur hergekommen, sondern trotz des Wetters geblieben sind“, bedankte sich Hans Werner. Die Kooperation mit „Word up“ und Frank Habrit habe wunderbar funktioniert. Dankesworte gingen auch an die Stadtwerke Neckargemünd und die Burgbühne. Auf die Frage, ob das „Music and Poetry“ Format wiederholt werden soll, antwortete das Publikum mit einem Fünfzehn-Punkte Applaus.
 
Text: Sarah Rondot
Bilder: Burkhard Zantopp
24.09.201