Kom Stipendiaten01
Mit 30 Pinseln in der Einsamkeit
Stipendiaten haben sich im Kommandantenhaus auf dem ruhigen Dilsberg eingerichtet – Illustrationen und Lyrik entstehen
5. September 2017
   
Kein Hupen, kein Reifenquietschen, keine Sirenen. Andrea Schmidt und Mikael Vogel aus Berlin haben die erste Nacht ohne Großstadtlärm überlebt. Seit Mittwoch wohnen die Herbststipendiaten der Kulturstiftung Rhein-Neckar-Kreis im ruhigen Kommandantenhaus auf dem Dilsberg. Im idyllischen Altbau hoch über dem Neckar wollen sie an ihren Projekten weiter arbeiten.
   
Kom Stipendiaten02 Kom Stipendiaten03 Mindestens 30 verschiedene Pinsel und einige Zeichenfedern hat Andrea Schmidt mitgebracht. Die Grafikdesignerin und Mitbegründerin eines Lyrik-Verlags in Berlin arbeitet hauptsächlich mit Tusche. „Mich interessieren die Strukturen in der Natur und die Vermischung verschiedener Medien“, erklärt sie. So könnten ganz neue Strukturen entstehen.
   
Streifzüge in die Dilsberger Wälder stehen auf dem Plan. „In Berlin geht das nicht, da muss ich dann irgendwo nach Brandenburg“, schmunzelt sie. Auf dem Dilsberg möchte Andrea Schmidt ein Projekt fertigstellen, das sie gemeinsam mit dem ehemaligen Stipendiaten Alexander Graeff gestaltet. Die Illustration von Japangedichten von Anna Hetzer wird ebenfalls Teil ihres Alltags sein. Das kleine Atelier auf der Brücke hat sie sich bereits eingerichtet: „Atemberaubend, der Blick zu allen Seiten.“
     
Kom Stipendiaten04 Kom Stipendiaten05 Wie Andrea Schmidt hat sich auch schon Mikael Vogel mit Japan beschäftigt. Hokkaido heißt der Ort, den Mikael Vogel in Japan bereist hat. Die dortige Exotik hat er etwa beim Besuch eines botanischen Gartens mit ausgestopften Hokkaidowölfen kennengelernt. Doch Exotik bedeutet auch der Dilsberg für den Großstädter: „Alleine schon, kurz nicht gestört zu werden, ist in Berlin nicht einfach.“ Angst vor der Einsamkeit auf dem Dilsberg habe er keine. Im Gegenteil: Die Ruhe und die Ungestörtheit auf dem Dilsberg werde er genießen, betont der Dichter. Wie eine Katze werde er in der Burgruine herumtigern und seine Lese- und Schreibplätze finden. Beide Künstler schätzen die Entschleunigung außerhalb der Großstadt.
 
Auch mit ausgestorbenen Tieren befasst sich Mikael Vogel, etwa mit Elfenbeinspechten, Hokkaidowölfen oder Dodos – flugunfähige Vögel, die ausschließlich auf der Insel Mauritius im indischen Ozean lebten.
Direkt nach dem Abitur hat er mit dem Schreiben begonnen. Seitdem nutzt er die Lyrik, um auf die Tiere als eigenständige Wesen, aber auch auf die Reibungen in der menschlichen Gesellschaft aufmerksam zu machen. Natürlich ist Schmidt Vegetarier.
 
Neugierig ist der Dichter auf die regionalen Tierarten. „Vielleicht finde ich hier irgendwo Knochen einer neuen Büffelart“, scherzte er. In seinem neuesten Projekt befasst er sich mit aussterbenden Vögeln. Der Künstler legt den Fokus auf die individuellen Details der Tierarten und liest massenweise Wissenschaftsliteratur. In Brian R. Williams hat er den perfekten Illustrator gefunden. Dieser Künstler aus Columbus in den USA zeichne die Tiere so, wie er selbst sie in den Gedichten beschreibe, schwärmt Mikael Vogel.
   
Kom Stipendiaten06 Drei Monate können die befreundeten Künstler die Atmosphäre des Kommandantenhauses genießen. Am 25. und 26. November werden die beiden ihre Projekte in einer gemeinsamen Ausstellung vorstellen. Die Besucher können sich dann auf eine Projektion, Lyrik und Illustrationen freuen.
 
Text: saro
Bilder: lana
21.09.2017