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Kreative Burgfräuleins im Kommandantenhaus warm empfangen
Stipendiatinnen der Kreiskulturstiftung erkunden den Dilsberg
7. September 2016
  

Das Dilsberger Kommandantenhaus ist seit Anfang September wieder bewohnt, mit Stefanie Gerhardt und Katrin Herzner haben zwei vielseitig kreativ tätige Künstlerinnen ihr Domizil für die nächsten drei Monate in der historischen Bergfeste aufgeschlagen. Zwei Künstlerinnen die sich aus Freiburger Studienzeiten kennen und wertschätzen. Zwei Frauen, die ihre künstlerische Neugierde und Offenheit verbindet, die mit ihrer erfrischenden Herzlichkeit schnell Kontakt finden und sich über den warmen Empfang auf dem Dilsberg freuen.

   

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Bei einem gemeinsamen Frühstück hieß Kulturdezernent Hans Werner, Gisela Hoffmann (Geschäftstelle Kreiskulturstiftung), Fotografin Doro Burkhardt und Marion Seufert, die gute Fee im Kommandantenhaus, die neuen Stipendiatinnen herzlich willkommen. Nach einer Woche schwärmten beide Künstlerinnen über die Atmosphäre im Kommandantenhaus, die faszinierende Aussicht und berichteten über erste Kontakte zur Bevölkerung. Die 1974 in Freiburg geborene Stefanie Gerhardt beeindruckt die Weite und das Licht, die Farbenpracht der Wälder hat es ihr ebenso angetan wie der Nebel. Dagegen richtet die 1979 in Düsseldorf geborene Katrin Herzner ihren Blick in die Tiefe, wo sie anhand von Landkarten die Landschaft entschlüsselt, wie ein eigener Satellit. „Wir wohnen hier auf der Burg, sind quasi zwei Burgfräuleins!“
 

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Stipendiaten2016 03 Stefanie Gerhardt absolvierte am Freiburger Theater eine Ausbildung zur Theatermalerin und danach das Studium der Freien Malerei/Grafik an der Staatl. Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, Außenstelle Freiburg, bei Prof. Leni Hoffmann, deren Meisterschülerin sie 2008 war. In Freiburg ist sie verwurzelt, hier hat sie gute Bedingungen, ihr Atelier und die Nähe zu ihrer Familie. Durch ihren handwerklichen Hintergrund und die Arbeit am Theater, waren ihr bei Studienbeginn bereits alle Materialien bekannt und so hinterfragte sie ihre Arbeiten stets kritisch. Sie brauchte Zeit um ihre „Sprache“ zu finden, mit ein Grund warum erste Ausstellungen länger auf sich warten ließen als bei den meisten ihrer Kommilitonen. Künstlerisch konnte sie alles realisieren, doch die Frage lautete: „Was will ich eigentlich damit?“ Inzwischen hat sie sich längst einen Namen als Malerin, Bildhauerin und durch ihre Videoinstallationen erworben, was zahlreiche Preise/Stipendien sowie Ausstellungen belegen.
Am Anfang ihrer heterogenen Arbeiten steht oft eine Bewegung, die sie aus dem Augenwinkel wahrnimmt, das menschliche Dasein und dazugehörige Fragen. Sie interessiert sich für Flüchtiges, Dinge die verschwinden, nicht greifbar sind. Das Leben empfindet sie flüchtig, will es in ihrer Kunst etwas Präsenter machen. Was zunächst paradox klingt, reizt sie ungemein und wer ihre Arbeiten sieht, versteht was sie meint.
 
Stefanie Gerhardt: „Walk“ Video -  5:45 min., Loop 2008
 
So lässt sie Menschen auf einem ihrer ersten Videos, einer Arbeit mit dem Titel "Walk" ins Nichts laufen. Hierfür legte sie animierte Filmspuren im Schnittprogramm übereinander. Was beim Betrachter eine Leichtigkeit erzeugt, war ein extrem komplexes Projekt. Für die Aufnahmen stand ihr lediglich ein Tag zur Verfügung, weshalb sie über 20.000 Bilder nachbearbeitete und der Schnitt mehrere Tage in Anspruch nahm. „Um Leichtigkeit zu erreichen, steckt oft ganz viel Arbeit dahinter.“ Ein Aquarell-Portrait zeigt das Flüchtige der Ratte, die über das Gesicht huscht, betont durch verlaufende Konturen des Gesichts.
 
Nachts im Wald
Stefanie Gerhardt:  "Nachts im Wald“ - Öl auf Aluminium - 10,5 x 40,5 cm  2016
 
„Nachts im Wald“ ist ein Ölgemälde auf Aluminium, bei dem sie die bekannte Szene vom letzten Abendmahl in einen anderen Kontext setzte, links von einem großen Baum inmitten einer Schneelandschaft. Die kleinen Bildausmaße laden den Betrachter zum näher treten und entdecken ein. So wie sie ihre Umgebung entdeckt, Menschen wahrnimmt und das Flüchtige der Natur betrachtet. Weitere Infos: http://stefanie-gerhardt.de
 
 
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Stipendiaten2016 06 Katrin Herzner verbrachte nach dem Abitur zunächst eine sechsmonatige Orientierungszeit in Nepal bevor sie an der Akademie für Bildende Künste Karlsruhe in Freiburg bei Günter Umberg studierte und mit dem Staatsexamen in Kunsterziehung und Geographie abschloss. Sie arbeitet überall und lebt zurzeit in Leipzig. Zahlreiche Ausstellungen und Auszeichnungen im In- und Ausland belegen ihre Vielseitigkeit, die sie in Form von Rauminstallationen, Objekten oder Skulpturen präsentiert. Bei letzterem stellt sie sich selbst zur Schau, in einer Art „Performance“ - auch wenn ihr der Begriff weniger gefällt - zu ihren vergänglichen Kunstwerken, die dann selber wieder zu Kunstwerken werden, quasi erscheinen und verschwinden. 2010 begann sie mit Zelt und Rucksack auf dem Rücken sowie einem selbst gebauten Kompass ihre Wanderung entlang dem 48. Breitengrad durch Osteuropa. Ein Versuch, soweit wie möglich auf einer geraden Linie querfeldein zu gehen. Dabei entstand ihr „Live-Hörbuch-Ost“, bei dem man sie jederzeit anrufen und zuhören konnte, sie selbst den Anrufer jedoch nicht hörte. Momentaufnahmen die verschwinden, denn sie zeichnet nichts auf, das Temporäre ist für sie ein Teil des Ganzen. In acht Etappen wanderte sie über 2.000 Kilometer bis an den Dnjepr, wo sie 2013 ihr Kunstwerk aufgrund des militärischen Konfliktes in der Ostukraine unterbrechen musste. In nicht aktiven Wanderzeiten führte sie das Kunstwerk OST in Form von
performativen Monologen weiter, in denen sie erklärt wie es geht in einer Linie zu wandern und was sie bewegt.
 
Während ihres Stipendiums 2015 in Fremantle, Australien, zeichnete sie mittels eines GPS-Loggers ihre Bewegungen auf und transferierte die Daten nach Freiburg, wo sie auf eine weiße Wand projiziert als abstrakte Zeichnung zu sehen waren. Eine interaktive Installation, bei welcher der Betrachter ihren Weg verfolgen und durch heranzoomen Details entdecken konnte. Zu jeder Linie weiß sie etwas zu erzählen, weiß genau was hinter der Linie steckt. So entstand auch ihre temporäre Grafik „Komme gleich wieder“, bei der sie in Gedanken den Text ablief, zum Beispiel das das „K“ auf einer Länge von 20 Meter damit es von den GPS-Daten erfasst wurde. 2012 startete sie ihr Projekt „Wohnungslos “, bei dem sie durch das Land zog und für jede Übernachtung eine Stunde Arbeit leistete.  
 

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Während eines Stipendienaufenthaltes in Fremantle, Australien zeichnete Katrin Herzner für die „Recorded Australian Movements (2015)“ mit Hilfe eines GPS-Loggers Bewegungen auf, um sie sogleich in Freiburg als abstrakte Zeichnung in einer Ausstellung an die Wand zu projizieren. Die Installation dort war interaktiv - es war möglich, sich die Linien nach belieben detalliert anzusehen. Die Arbeit ist weiterhin online zu finden unter: http://www.katrin-herzner.de/  Bild: Katrin Herzner
 
Katrin Herzner arbeitet nicht ergebnisorientiert, sondern setzt eine Idee in die Welt und schaut was daraus passiert. „Je freier man die Richtung hält, desto besser kann man arbeiten.“ Schon so manches Mal bedurfte es eines Riesenumwegs um zur einfachen Lösung zu gelangen. In ihren Werken findet sich der gesamte Arbeitsprozess wieder und nicht ausschließlich das Ergebnis, ein Prozess der niemals wirklich abgeschlossen ist. Eine neue Erfahrung machte sie in den letzten 9 Monaten, wo sie in der Leipziger Flüchtlings-Erstaufnahme als Teamleiterin einen 40 Stunden-Job ausübte und ihr Organisationstalent äußerst gefragt war. Eine dankbare Aufgabe und dennoch hat sie die Kunst nicht im Stich gelassen. Weitere Infos unter http://www.katrin-herzner.de/
 
Noch befinden sich Beide in der Erkundungsphase, während bei Katrin Herzner die künstlerische Arbeit noch offen ist, „ich bin selber gespannt was am Ende herauskommt“, ist der Augenwinkel von Stefanie Gerhardt bereits auf den Wald gerichtet, der sich langsam zu verfärben beginnt. Man darf gespannt sein, welche Aspekte die Künstlerinnen einfangen und wie sie diese verarbeiten. Beide empfinden es als großen Reichtum zusammen zu sein, zu sehen was passiert, wie der andere arbeitet. Eine gegenseitige Wertschätzung, die man neben einer ansteckenden Lebensfreude im Gespräch mit den beiden Künstlerinnen positiv wahrnimmt. Das Endprodukt wird am 26.11.2016 bei einer Ausstellung im Kommandantenhaus zu sehen sein, wozu rechtzeitig eingeladen wird.

Text: boe
Bilder: bz
© www.dilsberg.de   07.09.2016