Dilsberg "menschlich"
 
Waibel Soldat Waibel BGM 

Julius Waibel
* 08.07.1908  † 22.04.1988

Landwirt, Gastronom, Kommunalpolitiker und Weichensteller für den Dilsberg

 
Wer sich für den Dilsberg interessiert, der kennt auch Julius Waibel. Als Bürgermeister von Dilsberg (1962 - 1972) ebenso wie als Ortsvorsteher (1972 – 1975) repräsentierte er die Geschichte und den Geist der Bergfeste Dilsberg. Seine Amtszeit war geprägt von der fortschreitenden Entwicklung der Gemeinde und gleichzeitig galt sein Augenmerk der Bewahrung des Charakters von Bergfeste und Landschaft. Insbesondere die Ortssanierung 1963, für die er sich zusammen mit dem damaligen Gemeinderat vehement einsetzte, und die Flurbereinigung 1968 werden als Wendepunkt in der Geschichte der Berggemeinde bezeichnet.

 
Rainbach Waibel Kuh Waibel Ochsengespann
Die Städter kamen oft zu Fuß in die Rainbach und kehrten in seiner Gaststätte "Zum Neckartal" ein. Abends brachte sie Julius Waibel dann mit dem Ochsengespann zurück nach Neckargemünd.
 
Praktisch seit seiner Geburt am 8. Juli 1908 nahm die Rainbach eine besondere Rolle in seinem Leben ein. Hier wuchs er auf und besuchte die Schule auf dem Dilsberg. Nach der Hauptschule erlernte er den Beruf des Landwirts, war Offizier beim Militär, wurde Gastronom und Schnapsbrenner. Mit seiner Familie, Ehefrau Alma und den beiden Töchtern Barbara und Simone, lebte er am Neckarufer. Sein Faible für Natur und Landschaft zeigte sich auch in der Kommunalpolitik, nachdem er 1947 in den Gemeinderat gewählt wurde. Dem Dilsberg galt sein Herzblut und er war als harter Verhandlungspartner bekannt, der Pläne zum Wohle der Gemeinde rigide verfolgte. So erzählt man, dass er zwar hart in Verhandlungen sein konnte, jedoch genauso großherzig, wenn Bürger seine Hilfe benötigten. Am 22. April 1988 verstarb er im 80. Lebensjahr in seiner geliebten Rainbach.
 
Baustelle01 Kindergarten1971 2 Friedhofskapelle1970
Kanalisation Obere Straße
 
Bau des Kindergartens 1971
 
Bau der Friedhofskapelle 1970
 
Man bescheinigt ihm eine Eloquenz, mit der er jede Gesellschaft und jede Erzählung einer Anekdote zu einem Erlebnis werden ließ. Wort und Gestik waren bei ihm eins. Im richtigen Moment wusste er große Dichter und Denker zu zitieren und ebenso geläufig verstand er es örtliche Probleme anzugehen und zu lösen. Als man am 1. September 1939 im Einvernehmen mit dem damaligen Bürgermeister Karl Wirth die Feuerwehr Dilsberg gegründete, wurde Julius Waibel ihr erster Kommandant. Auch in der Politik hatte er ein besonderes Gespür für entscheidende Prozesse, die er zeitig erkannte und zielstrebig verfolgte. Dazu zählen neben Dorfsanierung und Flurbereinigung auch die Wasserversorgung der wachsenden Bevölkerung, Straßenbau und Entwässerung. Die Erhaltung der Landschaft war ihm ebenso wichtig wie die Folgeprobleme des Fremdenverkehrs.
 
Waibel Gasthaus03 Waibel Gasthaus02 Waibel Gasthaus01
Julius Waibel in seinem Gasthaus "Zum Neckartal" und in seiner Schnapsbrennerei (Bild rechts).
 
Nach dem Krieg zog es Akademiker wie Studenten in sein Gasthaus „Zum Neckartal“, denn hier gab es einfaches Essen zum satt werden. Produkte aus eigener Landwirtschaft, selbst gebackener Kuchen und dazu ein selbstgebrannten Schnaps wurden von den „Städtern“ sehr geschätzt.
 
Waibel Kohl Waibel Kohl Mitterrand Waibel Kohl Mitterrand2
26.08.1986: Besuch von Helmut Kohl (Bundeskanzler 1982-1998), François Mitterrand (Französischer Staatspräsident 1981-1995) und Oskar Schuster (Bürgermeister
Neckargemünd 1984-2000) bei Julius Waibel (Bürgermeister Dilsberg 1962-1973) im Gasthaus „Zum Neckartal“ in der Rainbach. (Bilder: Rupert Dworschak)
 
Auch der spätere Bundeskanzler Helmut Kohl fand, noch bevor er in der Bundespolitik Karriere machte, den Weg hierher und genoss die freundschaftliche Verbundenheit mit dem Wirt. Mit seinem Humor verstand es Waibel wie kein Zweiter, mit prominenten Gästen ebenso gekonnt umzugehen wie mit der Landbevölkerung. Im Laufe der Jahre machte Kohl auch als Bundeskanzler immer mal wieder einen Abstecher in die Rainbach, wo er seinen Stammplatz hatte und internationale Prominenz mitbrachte,
 
Waibel Gaeste01 Christaan Barnard Waibel Barnard
wie den israelischen Staatspräsidenten Shimon Perez oder seinen französischen Kollegen François Mitterand oder den bekannten Herzchirurgen Christiaan Barnard.
 
Waibel Erhard Waibel China
Selbst Alt-Bundeskanzler Ludwig Erhard zählte zu den Gästen ebenso wie der international geschätzte Journalist Peter Scholl-Latour. Das Gasthaus in der Rainbach war stets sein Domizil, von hier aus übernahm er politische Verantwortung und hier empfing er hochrangige Politiker. Seinen Einsatz für die Welt im Kleinen verband Julius Waibel geschickt mit der souveränen Haltung des Kenners von Welt und so war seine Gaststätte ein geschätzter Treffpunkt für Freunde des Neckartals jedweder Couleur.
 
Waibel Vereidugung4 Waibel Vereidugung2
Bei seiner ersten Amtseinführung als Bürgermeister von Dilsberg 1962 überreichte ihm Landrat Georg Steinbrenner ein „Schwarzbuch“ zur Sanierung der Gemeinde. Das Kreisplanungsamt hatte einen unzureichenden Zustand der Gemeinde festgestellt und folgerte daraus, dass der Ort zum längeren Aufenthalt für Fremde kaum geeignet sei. Dieser Bericht war für Waibel Ansporn den Zustand in jahrelanger zäher Kleinarbeit zu ändern.  Innerhalb der nächsten 19 Monate diente ihm das Buch als Richtschnur für mehrere Maßnahmen, die sich positiv auf den Dilsberg auswirkten.
 

Waibel Bebauungsplan01 
 
Waibel Steinbrenner
Landrat Georg Steinbrenner und Bürgermeister Julius Waibel
  
Flurbereinigung"Zur Erinnerung an die Flurbereinigung 1969 und das 1369 aufgegebene Dorf Reitenberg"

Waibel Feier

Galant bediente Julius Waibel die Bürger der Gemeinde auf der Seniorenfeier.

„Auf dem Dilsberg tut sich was!“, schrieb die RNZ am 18.09.1963 und berichtete über die gut besuchte Bürgerversammlung im Saal der „Sonne“, an deren Anschluss der Gemeinderat einstimmig beschloss einen verbindlichen Bauleitplan aufzustellen. Kommissionen aus Stuttgart, Karlsruhe und Bonn verschafften sich vor Ort ein Bild und sorgten dafür, dass entsprechende Mittel bereitgestellt wurden, denn Dilsberg war eine arme Gemeinde, die den erforderlichen Betrag in Höhe von 40.000 DM nicht aufbringen konnte.
 
Schon damals sah der Landrat, bedingt durch die einmalige Lage, im Fremdenverkehr eine große Chance. Voraussetzung dafür sei jedoch eine leistungsfähige Gastronomie, renommierte Lokale, gute Anfahrten und Parkplätze und eine durchgreifende Ortsverschönerung. Kein Flickwerk sondern eine grundlegende Planung war gefragt. Bald verschwanden Dunglegen an den Straßen, anstelle von alten ausgedienten Scheunen entstanden neue Wohnungen entlang der Ringmauer und alte nicht mehr menschenwürdige Wohnungen mussten neuen Bauten weichen. Schon damals bestanden die Bürger auf Mitbestimmung und der Landrat versicherte ihnen, dass jeder zu Wort kommen und niemand enteignet werde.
  
Bevor Bürgermeister Waibel mit den Gemeinderäten eine endgültige Entscheidung traf, ließ er die Bürgerversammlung abstimmen und da es bei fünf Enthaltungen keine erkennbaren Gegenstimmen gab, war der Bauleitplan für die Ortssanierung beschlossene Sache. Viele Bürger waren von den notwendigen Maßnahmen betroffen, doch alle hatten ein großes Ziel vor Augen, von dem der Dilsberg noch heute profitiert.

1964 begann die Flurbereinigung, die sich über 10 Jahre erstreckte und als großes Werk in die Annalen einging. So stellte der Vorsitzende der Teilnehmergemeinschaft, Heinz Kreis, bei der Abschlussfeier im Dilsbergerhof 1974 fest: „Ein großes Gesamtwerk, das Männer mit Weitblick beschlossen und durchgeführt haben.“ Durch die Flurbereinigung wurden über 2.000 Grundstücke von 300 Eigentümer mit einer Gesamtfläche von ca. 340 Hektar, wobei die einzelnen Besitzstücke meist unter 10 Ar groß waren, in 500 Grundstücke umgelegt. Fleißige Arbeit und großes Verhandlungsgeschick führten zur Vollendung des Flurbereinigungsverfahrens. Im Dezember 1974 stellte Julius Waibel in seiner Funktion als Ortsvorsteher fest: „Der Versuch landwirtschaftliches Leben zu erhalten, die Flur vor dem Vergammeln zu bewahren und damit zu Schutz und zur Erhaltung einer gesunden Umwelt beigetragen zu haben ist voll geglückt.“
 
Bereits als die Umwandlung im Gelände und Umstellung in den Betrieben auf die neue Situation in vollem Gange war, schrieb die RNZ in ihrer Ausgabe vom 23./24.11.68: „Schon jetzt kann man feststellen, dass die seit 1949 mehrheitlich von weitsichtigen Männern beharrlich beantragte und immer wieder durch starke Opposition verhinderte Flurbereinigung, nach der Umstrukturierung von der betroffenen Bevölkerung aus Dilsberg dankbar als großer Erfolg gewertet wird. Es ist allgemein erkannt worden, dass die Gemeinsamkeit aller Maßnahmen nicht nur jetzt Erleichterung, sondern insbesondere kommenden Generationen Segen bringen wird.“ Davon war auch Julius Waibel von Anfang an überzeugt und setzte sich vehement für die Realisierung ein.
 
Tuchbleiche01 Tuchbleiche02 Tuchbleiche03
Die Herstellung des Tuchbleichenplatzes gelang ohne Sprengung dank der Unterstützung durch die US-Army, die eine riesige Planierraupe samt Fahrer abstellten.
 
Ende der 60er wurde der Tuchbleichenplatz mit Hilfe der Amerikaner planiert. Es wird erzählt, dass eine amerikanische Soldateneinheit bei der Flurbereinigung im Einsatz war. Wie es dazu kam weiß heute keiner mehr so genau, aber es sei einzigartig in Baden-Württemberg gewesen. Waibel gelang es sogar, dass einer der Arbeiter abgestellt wurde und mit einer riesigen Planierraupe den Platz an der Tuchbleiche ebnete. Und das Ganze erfolgte kostenlos, denn die Amerikaner drehten lediglich einen Werbefilm, um in ihrer Heimat zu zeigen wie sie sich in Deutschland einsetzen. Das extrem felsenreiche Gelände wurde ohne eine Sprengung eingeebnet und jedes Mal wenn der Fahrer Angst um seine Maschine bekam, wurde er mit einem Selbstgebrannten von Julius Waibel „bestochen“ weiter zu machen.
 
Apfelernte Apfelernte2
Zwischen 1964 und 1965 entstand die Obstanlage, eine 15 ha große Musteranlage. Wie wichtig der Obstbau damals war belegt die Tatsache, dass es im Landratsamt eine eigene Abteilung gab in deren Zuständigkeit Obstanlagen fielen. Mittels Bodengutachten wurden drei Baumsorten ausgewählt, die auf diesem Boden am besten gedeihen. Aus der „Apfelstadt“ Bonn-Meckenheim wurden dann die Sorten Goldener Delicius, Cox Orange und Goldparmäne geliefert und angebaut. Mit der gemeinschaftlichen Obstanlage ging man auch zur Freude von Julius Waibel neue Wege, die über die Region hinaus Beachtung fand und interessierte Fachleute aus aller Welt auf den Dilsberg lockte.
 
Waibel Schule Waibel Schule Ngd19 FriedhofAnfang70er
Waibel trug er zu mancher Entscheidung bei und schaute persönlich nach, ob alles richtig ausgeführt wurde.
   
Luftaufnahme Anfang der 70er Jahre - Friedhof oben im Bild
 
Mit seinem Weitblick und Verhandlungsgeschick trug er zu manch nachhaltiger Entscheidung bei und schaute persönlich nach, ob alles richtig ausgeführt wurde. „Er zog geschickt die Fäden und brachte die richtigen Leute in den Ort.“, bescheinigen ihm noch heute Gemeinderäte aus seiner aktiven Zeit. So entstanden in seiner Ära zwei Kläranlagen, der Anschluss der Wasserversorgung an Neckargemünd, die bauliche Entwicklung der fünf Ortsteile florierte, die Ortssanierung sowie Großparkplätze, was der Entfaltung und Erhaltung der historischen Substanz diente. Die Flurbereinigung sicherte die Zukunft der Landwirtschaft, der Friedhof wurde geplant und der Schlossgarten erneuert. Unermüdlich machte er sich in der Vorbereitungsphase der Baulandplanung für die neue Grundschule und Halle im „Eisenfresser“ stark. Große Sprünge konnte die Gemeinde aufgrund leerer Kassen nicht machen, aber Waibel kannte Gott und die Welt. Er brachte alle an den Ort des Geschehens und keiner zeigte sich knausrig wenn es um Zuschüsse ging. Bei aller Liebe zu seiner Gemeinde, deren Wohlergehen er stets im Blick hatte, vollzog er die Eingemeindung nach Neckargemünd, da er sie als notwendig erachtete.  
 
Eingemeindung01 Waibel Rathaus
In einer würdigen Feierstunde wurde im Januar 1973 die Eingliederung der Gemeinde Dilsberg in die Stadt Neckargemünd vollzogen. Sowohl Waibel als auch der Bürgermeister von Neckargemünd Kurt Schieck sowie Amtsverweser Georg Steinbrenner werteten die Eingliederung für beide Gemeinwesen als bedeutsames Ereignis. Im Rahmen der Feierstunde überreichte der Amtsverweser Julius Waibel, der stets das Gesamtwohl im Auge hatte, das Bundesverdienstkreuz und wünschte ihm noch lange Jahre Gesundheit und Schaffenskraft. Nach der Eingemeindung setzte er sich als Ortsvorsteher für Dilsberger Belange ein, bevor er 1975 seinen Abschied von der Kommunalpolitik nahm. In Würdigung seiner Verdienste überreichte ihm Bürgermeister Kurt Schieck am 29. Dezember 1975 den Goldenen Ehrenring der Stadt. Es war der erste Träger dieser besonderen und seltenen Auszeichnung.
 
1947 Wahl in den Gemeinderat
1954-1974 Kreisrat
1962-1972 Bürgermeister
1973-1975 Ortsvorsteher
  
1973 Bundesverdienstkreuz
1975 Goldener Ehrenring der Stadt Neckargemünd
 
Ehrenvorsitzender Kreisverband Obst-, Gartenbau und Landschaft
Ehrenvorsitzender Aufsichtsrat Volksbank Neckargemünd
Ehrenmitglied 1. FC Dilsberg, Turnerbund, Sängerbund, Musikverein, Obst- und Gartenbauverein, Obstbaugenossenschaft
Stefan Wiltschko Sein Amtsnachfolger, Stefan Wiltschko, bescheinigte ihm in einem Artikel anlässlich seines 100. Geburtstags am 8. Juli 2008: „Julius Waibel hat viele Auszeichnungen bis hin zum Bundesverdienstkreuz und den Ehrenring der Stadt erhalten. Seine größte und bleibende ist aber, der Baumeister des heutigen Dilsberg gewesen zu sein.“
 
 
Bilder: Rupert Dworschak, Heinz Kreis und überwiegend aus privaten Beständen