Obere02091959

Besondere Dilsberger
Weihnachten im Jahre 1953
  
Eine Kurzgeschichte von Ferdinand Hefemer


Wendelin Ohlhauser lebte mit seiner Frau Cäcilia und seinen fünf Kindern im Alter zwischen vier und 12 Jahren in seinem Elternhaus, einem kleinen Bauernhaus in der Oberen Straße in Dilsberg. Ihre Scheune befand sich in der Unteren Straße, neben einem kleinen Häuschen, in dem Wendelins Mutter, Rosalia Ohlhauser, geborene Werner wohnte. Die Familie kam mehr schlecht als recht über die Runden, da die Landwirtschaft nur wenig abwarf und Wendelin nur in den Wintermonaten im Staatsforst Arbeit hatte. Zwar träumte er von zusätzlich anzupachtenden Feldern und einem der modernen Traktoren, die es nun zu kaufen gab. Dazu reichte ihm aber bei weitem nicht das Geld, das er angespart hatte. Und die Raiffeisenbank wollte ihm auch keinen Kredit geben, da sie seinen Betrieb für zu klein hielt.

Cäcilia verdiente noch etwas dazu, indem sie alle im Dorf anfallenden Näharbeiten erledigte. Das konnte sie auch deswegen machen, weil sie von einer Tante eine ganz moderne Nähmaschine geschenkt bekommen hatte, mit der diese nichts anzufangen wusste. Und schließlich half sie im katholischen Pfarrhaus aus, wenn die Pfarr-Haushälterin krank war oder zuhause ihrer schon betagten Mutter beistehen musste.

Die fünf Kindern fühlten sich eigentlich wohl: Sie mussten zwar auf engem Raum leben. Sie hatten so gut wie kein fertiges Spielzeug, aber die Natur und der Hof boten ihnen genügend Möglichkeiten zu spielen oder sich auszutoben.

Franziska war mit ihren 12 Jahren die Älteste. Sie hatte mitunter schon die Mutterrolle zu übernehmen. Dann kamen die zehn und neun Jahre alten Brüder Horst und Bernd, die immer ein bisschen rivalisierten, obwohl sie ziemlich verschieden waren. War Horst einer, der gerne beim Vater auf dem Fuhrwerk saß und auch bereitwillig sich für die beiden Schweine verantwortlich fühlte, so saß Bernd lieber neben der Mutter an der Nähmaschine und erzählte ihr wilde Räubergeschichten. Maria war gerade erst in die Schule gekommen, was ihr nicht besonders gefiel, hatte sie doch nun viel weniger Zeit, um sich um ihre Puppenkinder zu kümmern. Der kleine Friedrich verkroch sich am liebsten bei Großmutter in ihrem kleinen Häuschen. Da konnte er im Haushalt mithelfen und Großmutters Erzählungen von früher lauschen. Nun, in der Vorweihnachtszeit war es dort besonders spannend: Großmutter backte nämlich alle Weihnachtsgutseln für die Familie von Wendelin und die ihrer Tochter Rosalia, die mit Mann und zwei Kindern im fernen Hamburg wohnte.

Diese Weihnachten war für alle Ohlhausers etwas Besonderes: Onkel Alois Werner, Großmutters jüngerer Bruder, der in Amerika, genauer gesagt in Florida lebte, sollte nach Dilsberg kommen. Er war vor zwanzig Jahren dorthin ausgewandert, als er, als gerade ausgelernter Kraftfahrzeugschlosser in seinem Betrieb gezwungen werden sollte, in die Nationalsozialistische Partei einzutreten. Bedingt durch den Weltkrieg und die politische Lage davor, hatte er seitdem nie wieder deutschen Boden betreten.

Näheres über seine Ankunft war bisher nicht bekannt. Aber alle waren gespannt auf diesen Onkel: War der wohl nett und war er eventuell reich? Man hatte ja schon manches von reich gewordenen Auswanderern gehört. Aber außer der Tatsache, dass er nicht verheiratet und in der Autobranche tätig war, wusste man nicht viel. Ein großer Briefeschreiber war er eben nicht.

Weihnachten nahte und noch immer hatte man noch nicht erfahren, wann Onkel Alois eintreffen wollte. Er hatte nur mitgeteilt, dass er plane, Weihnachten in Dilsberg zu verbringen.

Am 20. Dezember abends um sechs Uhr schob der Postbote Herbert Meier sein Dienstfahrrad hoch auf die Feste. Er hatte Rosalia Werner noch ein Telegramm zuzustellen. Am Haus in der Unteren Straße angekommen, schlug er vehement und mehrmals auf die Glocke ein, die vor dem Haus hing. Die Tür ging einen Spalt auf und der kleine Friedrich streckte neugierig seinen Kopf heraus. „Ist die Oma da? Ich hab’ was Wichtiges für sie“, rief Herbert etwas aufgeregt und stürmte sofort in die Küche, wo Oma Rosalia mitten zwischen den Backblechen mit dem Weihnachtsgebäck stand. „Ein Telegramm aus Hamburg hab‘ ich hier. Soll ich des gleich vorlesen?“ Aber Herbert wartete nicht auf die Antwort, hatte Rosalia doch noch die Hände voller Teig: „Bin in Hamburg gelandet – suche geeignetes Auto – komme dann – Alois“.

„Ist das alles? Hat er nicht mehr geschrieben“, fragte Rosalia nach. Aber Fritz konnte nicht mehr vorlesen, als da stand. „Und jetzt willst Du einen Schnaps. Du weißt ja, wo die Gläser und die Flasche stehen. Nimm dir einen oder auch zwei“. Das ließ sich Fritz nicht zwei Mal sagen. Er bediente sich am Küchenschrank und bestieg dann beschwingt sein Dienstfahrrad. Friedrich wurde von Rosalia mit dem Telegramm nach Hause geschickt. Er sollte dem Vater ausrichten, dass er heute Abend wegen des zu erwartenden Besuches bei ihr vorbeikommen soll.

„Eigentlich wissen wir gar nichts Genaues“, sagte Wendelin am Abend, als er bei seiner Mutter am Küchentisch saß. „Du musst halt in der Dachkammer ein Bett richten. Aber ob es dem Alois dort oben nicht zu kalt ist? – Wenn wir wenigstens wüssten, wann er kommt.“

Rosalia erwies sich wie immer als praktisch: „Ich richte die Kammer. Wenn‘s ihm zu kalt ist, dann soll er in die ‚Schöne Aussicht‘, die haben Heizung in den Zimmern.“
0001 1943 Als Wendelin nach Hause kam, waren alle Kinder noch auf. Sie wollten zu gerne noch wissen, wann und wie der Onkel Alois kam. Vorher konnten sie nicht schlafen gehen. Aber nachdem von Vater Wendelin nichts Näheres zu erfahren war, musste man sich damit begnügen, einfach abzuwarten.

Es vergingen der einundzwanzigste, der zweiundzwanzigste, der dreiundzwanzigste Dezember. Nichts war von Onkel Alois zu hören oder gar zu sehen. In der Nacht zum 24. Dezember begann es zu schneien. Die Dächer und die Straßen waren nun schön weiß bedeckt. Alles wirkte ganz friedlich.
 
Gegen Mittag hörte man plötzlich eine laute, seltsame Hupe vor dem Tor. Alle Kinder schlitterten auf den glatten Straßen dorthin. Schließlich fuhren nicht viele Autos in die Feste. Und was stand vor dem Tor und kam wegen der Glätte nicht weiter?
Ein riesiger Straßenkreuzer in dem ein großer, älterer Herr mit einem breitkrempigen Hut saß.

Die Kinder erkannten sofort was zu tun war. Ohne lange zu fackeln versammelten sie sich am Heck des Autos und schoben mit vereinten Kräften. So rutschte das amerikanische Ungetüm schließlich an der Jugendherberge vorbei in die Untere Straße, wo es ohne zusätzlich Hilfe, allerhand Fuhrwerke zu umfahren hatte.

Als der Chevrolet schließlich vor Rosalias Haus zum Stehen kam, war Horst schon da und riss die Fahrertüre auf. Bis Onkel Alois aber ausstieg, stand schon fast das ganze Dorf um ihn herum. Er war etwas verdutzt, hatte er doch Schwierigkeiten, seine Verwandtschaft nach fast zwanzig Jahren wiederzuerkennen. Da half es, dass seine Schwester Rosalia, die aus dem Haus gestürzt war, ihm einfach um den Hals fiel und losschluchzte. Dann stellte sich langsam die ganze Verwandtschaft vor. Schließlich konnte er nicht einmal Wendelin wiedererkennen, war der doch noch ein Pimpf bei seinem Weggang aus Deutschland.

Als schließlich die ganze Familie Ohlhauser um Rosalias Küchentisch versammelt war, schnauften alle auf. Rosalia seufzte: „Da ich nicht wusste, wann Du kommst, habe ich nun gar nichts Besonderes vorbereitet, was ich dir anbieten …..“  „So habe ich es gewollt“, fiel ihr Alois ins Wort. „Was denkst Du! Seit meinem Abflug träume ich von Blut- und Leberwurst und einem Stück selbstgebackenem Brot.“

Die Kinder rannten um die Wette, um Wurstdosen und ein Glas mit eingelegten Gurken aus dem Keller zu holen. Rosalia nahm ein Brot vom Brett über dem Herd und Horst wurde in den Keller in der Oberen Straße geschickt, um einen Krug Most zu holen. Als alles zusammen war, genoss Alois das Vesper, das er ganz alleine aß. Niemand traute sich mitzuhalten. Alle beobachteten stillschweigend den genüsslich kauenden Onkel, der seinen großen Hut inzwischen auf die Kommode geworfen hatte.

Nachdem Onkel Alois noch einen Schnaps getrunken hatte, gab Oma Rosalia, wieder gefasst, das Kommando: „Jetzt ist es zwei Uhr. Um fünf Uhr müssen wir alle in die Kirche und danach feiern wir zusammen in Wendelins Haus den Heiligen Abend. Alois, kommst Du mit?“ „Was denkst Du, warum ich heute hier bin? Ich wollte wieder einmal Weihnachten auf dem Dilsberg erleben, so wie es in meiner Jugend gefeiert wurde.“

Die Christmette war feierlich mit Chorgesang und Blasmusik. Für die Kinder war alles ein bisschen lang, waren sie doch sehr auf die Bescherung gespannt. Onkel Alois staunte andächtig, bis ihm - bedingt durch die Strapazen der langen Reise - die Augen zufielen. Endlich war die Messe vorbei. Die Kinder rannten nach Hause, so schnell es bei der vereisten Straße ging.

Zuhause angekommen, mussten sie zunächst in der Küche warten, bis die Mutter das Weihnachtszimmer vollends hergerichtet hatte. Onkel Alois hat sich auch dorthin geschlichen, mit – und das hat die kleine Maria heimlich beobachtet – einem Bündel Briefkuverts in der Hand.

Als endlich das Glöckchen erklang, durften alle in das Wohnzimmer eintreten, das von den Kerzen des Weihnachtsbaumes hell erleuchtet war. Für jedes der fünf Kinder war eine Ecke mit kleinen Geschenken gerichtet. Da gab es Weihnachtsgutseln und für jedes einen notwendigen Alltagsgegenstand wie Socken, Unterhosen oder Hemden. Horst hatte als erstes die unscheinbaren Kuverts entdeckt, die neben den eingepackten Geschenken der Kinder lagen. Er riss sofort seines heimlich auf und zog einen ihm unbekannten Geldschein heraus: Er las: Ten Dollars. Blitzschnell ging es ihm durch den Kopf, dass er sich wegen des bevorstehenden Besuchs von Onkel Alois auf der Raiffeisenbank vor einigen Tagen erkundigt hatte, wieviel denn ein Dollar in Deutschen Mark wert sei. Und da schoss es aus ihm heraus: „Macht mal alle Eure Kuverts auf: Onkel Alois hat uns Dollars geschenkt, da ist jeder Schein 40 Mark wert!“ Er jubelte: „Wisst ihr was das bedeutet? Ich kann mir jetzt ein Fahrrad kaufen.“ Er fiel Onkle Alois spontan um den Hals und alle anderen vier Geschwister hängten sich ebenfalls an irgendeinen Körperteil von Onkel Alois, der beinahe vor so viel überschwänglicher Freude in den Weihnachtsbaum gefallen wäre.

Untere Als alles sich wieder etwas beruhigt hatte und die ersten Kinder ihre Weihnachtsgutseln knabberten, brachte Oma Rosalia das Familiengeschenk: Eine richtiges Paket. Bernd entzifferte vorsichtig: “Mensch ärgere Dich nicht“. Alle Kinder jauchzten: Nun gab es ein Spiel für die ganze Familie, bei dem alle mitspielen konnten.

Bevor es zum Abendessen in die Küche ging schlug Onkel Alois noch vor, sein größeres Geschenk, das er Wendelin und eigentlich auch der ganzen Familie machen wollte, erst nach dem Abendessen einzubringen.

Während alle mit großem Appetit etwas ganz besonderes, nämlich Wiener Würstchen und Großmutters wunderbaren Kartoffelsalat genossen, lag immer eine Spannung im Raum: Was hatte Onkel Alois noch als Geschenk für alle dabei?

Nachdem die Flasche Portugieser, die Vater Wendelin zur Feier des Tages geöffnet hatte, schon fast geleert war, stand Onkel Alois auf und wurde seltsam förmlich: „Liebe Schwester, liebe Schwägerin, liebe Kinder aber jetzt vor allem lieber Wendelin. Ich habe mir ein besonderes Geschenk ausgedacht, das vielleicht ein bisschen groß erscheint, mir aber am Herzen liegt. Ihr müsst wissen, dass ich seit letztem Jahr neben meinen drei Chevrolet-Autohäusern die Porschevertretung für ganz Florida übernommen habe. In dem Zusammenhang wollte die Firma Porsche mir auch die neuen Porsche-Traktoren anbieten. Die sind für den amerikanischen Markt aber zu klein. Die werde ich in den USA nicht los. Aber als ich gestern in Zuffenhausen bei Porsche war, wollten sie mir einen Traktor anbieten, den sie auf ihre Kosten nach Florida verschiffen wollten. Ich musste natürlich ablehnen, sagte aber spontan, ich hätte eine hervorragende Verwendung für diesen Traktor. Wir kamen ins Gespräch und konnten uns auf einen guten Preis einigen.“  Er zog die Abbildung des Traktors aus der Jackentasche und übergab diese Wendelin mit den Worten: „Und hier Wendelin ist Dein neuer Traktor! Er wird Dir Anfang Januar zugestellt.“

Es trat eine Totenstille ein. Wendelin kniff sich in den Oberschenkel um zu überprüfen, ob er wach war. Hatte er zu viel Portugieser getrunken? Dann stammelte er: „Aber Onkel Alois, das kann ich doch nicht annehmen. Das ist doch viel zuviel. Damit wäre ich ja der erste Bauer mit einem Traktor auf dem Dilsberg!“ Dann fuhr er nach leichtem Zögern fort: „Ich könnte mir noch einige Äcker und Weiden dazu pachten. Ich wäre ein richtiger angesehener Bauer!“ Alois erwiderte wohlüberlegt leise: „Das gebe ich gerne in Dankbarkeit an meine alte Heimat und vor allem an die nachfolgende Generation der Familien Werner und Ohlhauser. Ich habe keine Angehörigen mehr seitdem meine langjährige Freundin im letzten Jahr verstorben ist und so seid Ihr mir die nächsten Verwandten.“

Es trat wieder eine große Ruhe ein. Keiner wusste mehr, was er sagen sollte. Und so stimmte Cäcilia einfach ein Lied an: „Nun danket alle Gott, mit Herzen Mund und Händen….“ Nach kurzem Zögern stimmten alle mit ein. Auch Onkel Alois versuchte sich an diesen Liedtext zu erinnern. Und beinahe wäre ihm, dem harten amerikanischen Geschäftsmann ein Träne aus den Augen gerollt. Diese Weihnachten, bei der er so viel Freude verbreiten konnte, war für ihn das Schönste, was er seit seinem Weggang aus Deutschland erlebte. In diesem Augenblick nahm Alois Werner hautnah wahr, was er durch den Wegzug in die Fremde verloren hatte.
  

Nachtrag:
Zwei Jahre nach diesem besonderen Weihnachtsfest trafen zwei Briefe eines amerikanischen Notars gleichzeitig bei Wendelin Ohlhauser und seiner Mutter Rosalia ein, aus denen gleichlautend hervorging, dass ein Alois Werner bei einer Probefahrt mit einem Kunden in Florida tödlich verunglückt sei. Aus seinem Testament gehe hervor, dass er seiner Schwester, Frau Rosalia Werner und deren Sohn Wendelin Ohlhauser 150 000 US-Dollar zu überlassen gedenkt.
Dieses Erbe nahm dann Wendelin Ohlhauser zum Anlass, den ersten Aussiedlerhof mit Altenteil zu bauen. Er wurde damit wirklich zum reichsten Bauern in Dilsberg.                      

 
Ferdinand Hefemer Dezember 2015
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Bilder: Archiv dilsberg.de